„Wenn Mitarbeitende lieber der KI vertrauen – was das über Führung verrät“

06.11.2025

In den letzten Wochen wurde viel darüber gesprochen, dass Künstliche Intelligenz objektiver bewerten könne als Menschen – auch im Kontext von Feedback.
Einige Studien und Diskussionen deuten darauf hin, dass Mitarbeitende der KI mehr Fairness zutrauen als ihren Führungskräften.

Was im ersten Moment befremdlich klingt, ist bei genauerem Hinsehen erstaunlich nachvollziehbar – und sollte uns aufrütteln.

Denn wenn unsere Teams Künstlicher Intelligenz mehr Fairness und Objektivität zutrauen als ihren Führungskräften, insbesondere beim Thema Feedback, dann ist das weniger ein technisches als ein kulturelles Signal.

Es zeigt, wie sehr sich Menschen nach ehrlicher, urteilsfreier Rückmeldung sehnen – nach Gesprächen ohne Bewertung, nach einem wirklich zuhörenden Gegenüber.

Bei aller Diskussion um Effizienz und Daten dürfen wir nicht vergessen: Es geht letztlich auch um Haltung – um die Frage, wem wir mehr vertrauen: der Technologie oder dem Menschen.

Feedback ist nicht bloß ein Prozess oder ein Instrument, sondern immer auch Beziehungsarbeit. Es entscheidet darüber, ob sich jemand gesehen oder bewertet fühlt, ob Vertrauen entsteht oder Distanz.

Es berührt Identität, Selbstbild und manchmal auch den Selbstwert – und kann daher, oft ungewollt, verletzen.

Genau hier zeigt sich, was vielen Führungskulturen fehlt:
Selbstreflexion. Empathie. Und die Bereitschaft, zuzuhören, bevor man urteilt.

Tatsächlich hat uns die Künstliche Intelligenz in manchem etwas voraus: Sie kennt keine Eitelkeit, kein Ego. Das lässt sie scheinbar fair wirken – doch eben nicht menschlich.
Denn sie kann weder Unsicherheiten aushalten noch Zwischentöne wahrnehmen, geschweige denn echtes Vertrauen aufbauen.

Noch immer gibt es Führungskräfte, die sich kaum Gedanken darüber machen, wie ihr Feedback eigentlich ankommt – ob es verstanden wird, ob es motiviert oder lediglich als Pflichtübung wahrgenommen wird.
Doch genau hier zeigt sich Führung: in der Bereitschaft, Feedback als Dialog zu begreifen – als zentrales Element persönlicher und organisatorischer (Weiter)Entwicklung, einer Kernaufgabe von Führung.

Führung bedeutet deshalb nicht, so objektiv wie eine Maschine zu werden,
sondern sich der eigenen Subjektivität bewusst zu sein – und verantwortungsvoll damit umzugehen. Wer Feedback gibt, sollte erklären, warum er es gibt, was er beobachtet hat und was er beim Gegenüber bewirken will.

Die Lösung kann also nicht darin liegen, Feedback zu automatisieren, sondern es wieder „menschlich“ zu gestalten – ehrlich, klar und respektvoll, vor allem mit Zeit (nicht zwischen Tür und Angel) und echtem Interesse und mit Aufmerksamkeit dafür, wie es beim Gegenüber ankommt.

Denn daraus entsteht Glaubwürdigkeit – und vielleicht suchen Mitarbeitende diese heute deshalb häufiger bei Algorithmen, weil sie sie in Führung zu selten finden?

Mein Gedanke:
Vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, ob Künstliche Intelligenz Feedback besser geben kann – sondern, wie wir wieder so führen, dass Menschen es lieber von uns hören wollen.

In diesem Sinne: Klären Sie für sich, wie Sie die Zukunft Ihrer Führung gestalten möchten – und schaffen Sie die Grundlage für Vertrauen, jeden Tag aufs Neue, durch ehrliche Gespräche.

Herzlich,

Ihre

Sandra Günther