„Wenn Klarheit unausgesprochen bleibt“

04.03.2026

„Wir sind uns im Grundsatz einig.“

Dieser Satz fällt in Führungsgremien erstaunlich häufig. Und nicht selten markiert er genau den Moment, in dem deutlich wird, dass die eigentliche Entscheidung noch aussteht.

Man verständigt sich auf weitere Gespräche, auf zusätzliche Analysen oder darauf, das Thema zu einem späteren Zeitpunkt erneut zu betrachten. Nach außen wirkt alles sorgfältig abgestimmt und verantwortungsvoll – und doch bleibt die Richtung offen.

Solche Situationen sind keineswegs selten. Gleichzeitig höre ich in vielen Organisationen den Wunsch nach mehr Klarheit. Mitarbeitende suchen Orientierung, erwarten nachvollziehbare Prioritäten und möchten verstehen, wohin sich ihr Unternehmen entwickelt. Schnell wird dann über Kommunikation gesprochen: darüber, dass Dinge besser erklärt oder transparenter vermittelt werden müssten.

Und doch liegt das eigentliche Thema häufig an einer anderen Stelle.

Viele Führungskräfte verfügen durchaus über Klarheit. Sie wissen, welche Richtung sie für richtig halten, welche Prioritäten sie setzen möchten und welche Erwartungen sie an ihr Team haben. In ihrem eigenen Denken ist vieles bereits geordnet.

Gleichzeitig erlebe ich immer wieder, wie leicht es ist zu glauben, Klarheit sei bereits vorhanden – obwohl sie tatsächlich noch gar nicht ausgesprochen wurde.

Was im eigenen Kopf klar erscheint, ist für andere noch lange nicht sichtbar.

Menschen können sich nicht an Gedanken orientieren, die nie formuliert werden. Sie nehmen wahr, was tatsächlich gesagt, entschieden und vertreten wird.

Klarheit, die nicht ausgesprochen wird, bleibt für andere unsichtbar.

Genau hier entsteht eine Lücke, die in Organisationen erstaunlich häufig zu beobachten ist. Führungskräfte gehen davon aus, dass ihre Haltung und ihre Erwartungen längst verstanden wurden, während Mitarbeitende versuchen, aus Andeutungen, Zwischentönen und einzelnen Entscheidungen eine Richtung abzuleiten. Orientierung entsteht dann eher durch Interpretation als durch Klarheit.

Dabei ist Klarheit weniger eine Frage der richtigen Worte als vielmehr der Bereitschaft, sich festzulegen – und diese Festlegung auch auszusprechen. Wer Klarheit formuliert, macht seine eigene Position sichtbar. Damit entsteht Orientierung für andere, aber auch Verbindlichkeit für einen selbst.

Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum Klarheit oft länger braucht, als wir denken. Denn in dem Moment, in dem sie ausgesprochen wird, lässt sie sich nicht mehr so einfach relativieren oder verschieben.

Aus meiner Sicht entsteht Führung genau an diesem Punkt. Nicht in dem Moment, in dem Gedanken im eigenen Kopf sortiert sind, sondern dort, wo sie zu einer klaren Position werden, an der sich andere orientieren können.

Mein Gedanke:

Klarheit beginnt nicht im Denken, sondern im Aussprechen. Erst wenn sie sichtbar wird, kann sie Orientierung geben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen die Gelegenheit – und den Mut – zu wirklicher Klarheit und freue mich auf den Austausch sowie auf ein Wiedersehen im Rahmen der MIPIM in der kommenden Woche.

Herzlich

Ihre

Sandra Günther