„Was der Sommer über Führung verrät“

14.07.2026

Mit Beginn der Sommerferien verändert sich in vielen Unternehmen der Rhythmus. Vertretungen übernehmen Verantwortung, Entscheidungen werden dort getroffen, wo sonst andere zuständig sind und eingespielte Abläufe verändern sich.

Gerade in diesen Wochen wird etwas sichtbar, das im Alltag oft verborgen bleibt:

Der Sommer zeigt nicht, wer fehlt. Er zeigt, was fehlt, wenn jemand fehlt.

Plötzlich wird deutlich, ob Verantwortlichkeiten wirklich klar geregelt sind, Wissen geteilt wurde und Mitarbeitende wissen, wo ihre Entscheidungsspielräume beginnen.

Für mich ist der Sommer deshalb kein Stresstest für die Urlaubsplanung, sondern ein Realitätstest für unsere Führung.

Natürlich gibt es Situationen, in denen Führungskräfte auch während ihres Urlaubs erreichbar sein müssen. Verantwortung endet schließlich nicht mit der Abwesenheitsnotiz. Entscheidend ist jedoch nicht, ob das Telefon klingelt, sondern warum.

Wie häufig werden Sie kontaktiert, weil Ihre Erfahrung tatsächlich unverzichtbar ist? Und wie oft deshalb, weil Verantwortung nie konsequent übertragen wurde? Genau darin liegt der entscheidende Unterschied. Nicht darin, dass während des Urlaubs alles reibungslos funktioniert. Unternehmen sind keine Uhrwerke und Unvorhergesehenes gehört zum Alltag.

Mich beschäftigt deshalb eine andere Frage: Haben wir Verantwortung so übertragen, dass andere sie überhaupt übernehmen können? Vom Wollen möchte ich dabei bewusst gar nicht sprechen. Mich interessiert zunächst, ob wir die Voraussetzungen dafür geschaffen haben. Wissen Mitarbeitende, welche Entscheidungen sie treffen dürfen? Und ist Führung so gestaltet, dass nicht jede Frage automatisch wieder bei derselben Person landet?

Vielleicht ist der Sommer deshalb jedes Jahr aufs Neue eine Einladung, genauer hinzusehen – nicht auf den Urlaub selbst, sondern auf das, was er sichtbar macht.

Denn überall dort, wo Wissen, Verantwortung und Entscheidungen an einzelnen Menschen hängen, entsteht Abhängigkeit. Dort, wo sie bewusst geteilt werden, wachsen Eigenständigkeit, Vertrauen und die Fähigkeit eines Teams, auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn einzelne gerade nicht da sind.

Mein Gedanke:

Gute Führung zeigt sich nicht daran, dass im Urlaub niemand anruft. Sondern daran, dass Entscheidungen auch ohne uns möglich sind.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen Sommer, in dem Sie Verantwortung mit gutem Gefühl teilen können – und Menschen an Ihrer Seite, die sie mit Klarheit und Vertrauen übernehmen.

Herzlich

Ihre

Sandra Günther