„Warum Erfolg ein schlechter Ratgeber ist.“

14.01.2026

Der Jahresanfang ist die Zeit der Vorsätze. Ziele werden formuliert, Pläne geschärft, vergangene Erfolge reflektiert – gelegentlich auch etwas zu wohlwollend eingefärbt.

Für einen Moment wirkt Vieles dadurch geordnet und beruhigend, fast so, als ließe sich das Kommende allein durch sorgfältige Planung absichern und steuern.

Bemerkenswert ist jedoch, worüber selten gesprochen wird: über das, was im Alltag tatsächlich geschieht. Über unsere Routinen, die uns durch das Jahr tragen. Über unsere stillen Entscheidungen, die kaum wahrgenommen werden und dennoch Wirkung entfalten. Vielleicht greifen wir gerade deshalb so gern auf das zurück, was sichtbar und rückblickend erklärbar ist.

 Vergangene Erfolge spielen daher bei der Neujustierung zum Jahresbeginn eine besondere Rolle. Sie bestätigen getroffene Entscheidungen, beruhigen Zweifel und geben Sicherheit.  Erfolg wirkt überzeugend – und ist gerade deshalb verführerisch. Er lädt dazu ein, Bewährtes beizubehalten, weil es funktioniert hat.

Genau darin liegt jedoch auch seine Schwäche. Erfolg blickt zurück. Er sagt wenig darüber aus, ob sich ein eingeschlagener Weg unter veränderten Rahmenbedingungen fortsetzen lässt. Die daraus entstehende vermeintliche Sicherheit senkt zudem unsere Aufmerksamkeit: Wir hinterfragen weniger, greifen seltener ein und stellen weniger Fragen, wenn alles schlüssig erscheint.

An dieser Stelle lohnt ein genauerer Blick. Nicht die Planung ist die eigentliche Herausforderung, sie ist vielmehr Pflicht. Die Kür, und damit auch ein zentraler Teil der (Führungs)Arbeit, beginnt dort, wo Aufmerksamkeit gefragt ist. In den alltäglichen Gewohnheiten, in Gesprächen, die geführt werden, obwohl sie unbequem sind, und in Entscheidungen, die nicht aufgeschoben werden, nur weil die Lage auf den ersten Blick stabil wirkt.

Wer sich zu stark an vergangenem Erfolg orientiert, übernimmt oft mehr, als ihm guttut: Arbeitsweisen, Routinen und auch Erwartungen – nicht, weil sie noch passen, sondern weil sie vertraut sind. So bleibt mitunter der Blick auf leise Veränderungen verstellt, auf eben die Entwicklungen, die sich schrittweise ankündigen und die für die weitere Ausrichtung entscheidend sein können.

Warum eignet sich gerade der Jahreswechsel dafür, genauer hinzusehen? Weil wir dann offener sind für Veränderung. Für den Gedanken, dass Dinge auch anders sein könnten.

In meiner Arbeit erlebe ich häufig, dass wirkliche Veränderung selten spektakulär beginnt. Sie entsteht im Alltag – dort, wo jemand innehält und den eigenen Umgang mit Erfolg hinterfragt.

Vielleicht brauchen wir also kein neues Jahr, um Erfolg anders zu betrachten.
Aber wie wir wissen „wohnt jedem Anfang ein Zauber inne“ und daher ist der Jahresanfang doch eine willkommene Gelegenheit, den eigenen Blick zu schärfen – für das, was im Alltag wirklich zählt.

Mein Gedanke:

Erfolg ist angenehm und zweifellos erstrebenswert. Er ist jedoch kein verlässlicher Ratgeber. Vorangehen, Orientierung geben und Führung entstehen nicht aus vergangenen Ergebnissen, sondern aus dem, was wir täglich tun – ruhig, aufmerksam und konsequenter, als es von außen sichtbar ist.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Start ins neue Jahr. Mit Klarheit für das Wesentliche.

Herzlich,

Ihre

Sandra Günther