Nicht alles lässt sich wegorganisieren

10.09.2026

In den vergangenen Tagen hat mir mein Körper ziemlich unmissverständlich ein Stoppschild aufgestellt: Bandscheibenvorfall.

Mein erster Gedanke war allerdings nicht, dass ich nun kürzertreten muss. Vielmehr begann ich beinahe automatisch zu überlegen, wie sich mein Alltag trotzdem organisieren lässt. Welche Termine kann ich halten, welche vielleicht digital wahrnehmen? Wie kann ich arbeiten, wenn längeres Sitzen gerade nicht funktioniert? Und wann kann ich wohl wieder reisen?

Kurz gesagt: Ich habe nach Lösungen gesucht.

Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Schließlich gehört genau das zu unserem beruflichen Alltag. Wir sind es gewohnt, Probleme zu lösen, Alternativen zu finden und auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Gerade in Führungspositionen wird diese Fähigkeit erwartet – und häufig ist sie eine wesentliche Voraussetzung, um Verantwortung erfolgreich wahrzunehmen.

Und dennoch macht mich mein eigener Umgang mit dieser Situation nachdenklich.

Denn während ich darüber nachdenke, wie ich möglichst schnell wieder zu meinem gewohnten Alltag zurückkehren kann, stellt sich mir zunehmend eine andere Frage: Warum fällt es uns eigentlich so schwer, zu akzeptieren, dass etwas gerade nicht geht?

Vielleicht, weil Akzeptanz zunächst wenig mit dem zu tun hat, was wir mit guter Führung verbinden. Wir wollen gestalten, entscheiden und Einfluss nehmen. Ein Problem, das sich lösen lässt, gibt uns das Gefühl, handlungsfähig zu sein. Eine Grenze, die wir nicht verändern können, nimmt uns dagegen genau diese Möglichkeit.

Dabei bedeutet Verantwortung nicht immer, einen Weg um jedes Hindernis herum zu finden. Manchmal bedeutet sie auch, eine Grenze anzuerkennen.

Interessant wurde dieser Gedanke für mich, als ich die Perspektive gewechselt habe. Was würde ich einem Mitarbeitenden in meiner Situation raten? Vermutlich müsste ich nicht lange überlegen. Ich würde sagen: Werde erst einmal wieder gesund, nimm Dir die notwendige Zeit, wir bekommen das organisiert.

Bei uns selbst sind wir häufig weniger großzügig. Wir verschieben Termine, organisieren um, bleiben erreichbar und versuchen, möglichst wenig ausfallen zu lassen. Dahinter steckt sicherlich Verantwortungsbewusstsein. Vielleicht manchmal aber auch die Überzeugung, dass es ohne uns eben doch nicht ganz so gut geht.

Und genau hier wird aus einer sehr persönlichen Erfahrung plötzlich eine Führungsfrage.

Denn Vertrauen in ein Team zeigt sich nicht nur dann, wenn wir Verantwortung bewusst übertragen. Es zeigt sich auch dann, wenn wir selbst einmal nicht zur Verfügung stehen. Wenn andere Entscheidungen treffen, Dinge vielleicht anders lösen, als wir es getan hätten, und wir darauf vertrauen müssen, dass es trotzdem funktioniert.

Das ist nicht immer bequem. Aber vielleicht ist gerade diese Form des Loslassens ein ziemlich ehrlicher Gradmesser dafür, wie gut Verantwortung innerhalb eines Unternehmens tatsächlich verteilt und gelebt wird.

Mein Bandscheibenvorfall bremst mich gerade aus. Nicht vollständig, aber deutlich genug, um mir vor Augen zu führen, dass sich eben nicht alles wegorganisieren lässt. Geduld gehört im Moment zu den Dingen, die ich lernen muss – und ich gebe offen zu, dass sie nicht zu meinen ausgeprägtesten Stärken gehört.

Vielleicht beschäftigt mich deshalb gerade die Frage, ob wir Grenzen zu schnell mit Einschränkungen gleichsetzen. Nicht jede Grenze ist ein Hindernis, das überwunden werden muss. Und nicht jede Situation wird besser, nur weil wir möglichst schnell eine Lösung finden.

Manchmal liegt die eigentliche Stärke darin, zu erkennen, was wir verändern können und was wir zunächst akzeptieren müssen.

Mein Gedanke:

Wir sprechen in der Führung viel über Handlungsfähigkeit. Vielleicht gehört dazu auch die Fähigkeit, nicht immer handeln zu müssen. Denn Verantwortung zeigt sich nicht nur darin, Dinge voranzutreiben, sondern manchmal auch darin, eine Grenze zu akzeptieren und darauf zu vertrauen, dass es ohne uns weitergeht.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass Ihr nächstes Stoppschild vielleicht nur ein Verkehrsschild ist. Sollte Ihnen das Leben dennoch einmal ein anderes aufstellen, wünsche ich Ihnen die Gelassenheit, nicht unmittelbar nach der nächsten Umleitung suchen zu müssen.

Herzlich und hoffentlich bis bald auf der EXPO in München

Ihre

Sandra Günther