Die Gespräche, die wir zu spät führen
20.10.2026
In diesem Jahr konnte ich nicht an der EXPO REAL teilnehmen. Vielleicht habe ich gerade deshalb besonders aufmerksam zugehört, als mir im Anschluss von der Messe berichtet wurde.
Natürlich ging es um die bekannten Themen: die schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, zurückhaltende Investitionen und die Frage, wann wieder mehr Bewegung in den Markt kommt. Doch von den vielen Einschätzungen ist mir vor allem eine Beobachtung in Erinnerung geblieben: Die Art und Weise, wie miteinander gesprochen wurde.
Offener seien die Gespräche gewesen, direkter und weniger beschönigend.
Das hat mich nachdenklich gemacht. Warum sprechen wir offenbar offener miteinander, wenn die Zeiten schwieriger werden? Eigentlich sollte es keine angespannte Marktlage brauchen, um auch unbequeme Themen offen anzusprechen.
Und doch begegnet mir dieser Mechanismus in vielen beruflichen Situationen.
Vielleicht kennen Sie das auch aus Ihrem eigenen Umfeld. Solange es gut läuft, sprechen wir gern über das, was funktioniert. Über Erfolge, neue Projekte, Chancen und die nächsten Ziele. Das ist verständlich und keineswegs falsch.
Schwieriger wird es bei den Dingen, auf die wir selbst noch keine gute Antwort haben.
Bei einem Vorhaben, bei dem wir zunehmend ahnen, dass es sich nicht wie erwartet entwickelt. Bei einer Zusammenarbeit, in der schon länger etwas nicht stimmt. Bei einer Entscheidung, bei der wir uns fragen, ob sie richtig war. Oder bei der einfachen Feststellung, dass wir selbst gerade nicht weiterwissen.
Solche Gespräche führen wir häufig erst spät.
Nicht unbedingt, weil wir etwas verschweigen wollen. Vielmehr warten wir vermutlich, weil wir selbst noch hoffen, die Dinge einordnen, korrigieren oder lösen zu können. Wir möchten mit einer Antwort in ein Gespräch gehen und nicht nur mit einem Problem.
Ich kann das gut nachvollziehen. Menschen in verantwortlichen Positionen sind es gewohnt, Orientierung zu geben. Sie treffen Entscheidungen, lösen Probleme und werden nicht selten genau deshalb gefragt, weil andere eine Antwort von ihnen erwarten.
Diese Stärke hat allerdings auch eine Kehrseite: Wer es gewohnt ist, Lösungen zu finden, spricht möglicherweise erst dann über Schwierigkeiten, wenn er selbst nicht mehr weiterkommt.
Dabei übersehen wir leicht, dass uns, solange wir eine Herausforderung nur mit uns selbst ausmachen, auch nur die eigene Perspektive darauf bleibt.
Ein offenes Gespräch setzt allerdings noch etwas anderes voraus: ein Gegenüber, das bereit ist, sich auch mit unfertigen Gedanken und unbequemen Wahrheiten auseinanderzusetzen.
Ich glaube, genau an dieser Stelle entscheidet sich häufiger über die Qualität einer Zusammenarbeit, als uns bewusst ist.
Menschen merken sich sehr genau, wie mit ihrer Offenheit umgegangen wird. Ob sie auf echtes Interesse stoßen, auch wenn das Gesagte unbequem ist. Oder ob sie beim nächsten Mal lieber warten, bis sich die Dinge ohnehin nicht mehr übersehen lassen.
Vielleicht brauchen wir deshalb weniger Mut zur Ehrlichkeit, als häufig behauptet wird.
Vielleicht brauchen wir vor allem Beziehungen und eine Kultur, in denen Offenheit nicht erst dann möglich wird, wenn die Umstände sie erzwingen.
Die Rückmeldungen von der EXPO REAL haben mich deshalb weniger über die aktuelle Stimmung in unserer Branche nachdenken lassen. Vielmehr beschäftigt mich die Frage, welche Gespräche wir erst dann führen, wenn wir ihnen nicht mehr ausweichen können. Und was möglich wäre, wenn wir sie früher führen würden.
Mein Gedanke:
Die Qualität einer Zusammenarbeit zeigt sich auch darin, wie früh Schwieriges ausgesprochen werden kann. Nicht erst dann, wenn es offensichtlich geworden ist, sondern solange noch die Möglichkeit besteht, gemeinsam etwas zu verändern.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen Menschen, mit denen Sie auch dann offen sprechen können, wenn Sie selbst noch keine fertige Antwort haben und die in einem unfertigen Gedanken den Anfang eines guten Gesprächs sehen.
Herzlich
Ihre
Sandra Günther